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Hey,
I ch
bin Rika und mache zur Zeit einen Austausch nach Bolivien. Fuer
ein halbes Jahr wohne ich nun in La Paz, einer Stadt mit 1.3
Millionen Einwohnern, die auf 3600m liegt.
Ich bin jetzt schon seit knapp 4 Monaten hier und fuehl mich
richtig wohl.
Auch wenn ich am Angang noch so gut wie gar kein Spanisch konnte
und nichts verstanden hab, war ich schon vom ersten Tag an begeistert.
Angekommen bin ich im Januar, also hier im Sommer. Im Hochland
in den Anden gibt es allerdings keine richtigen Jahreszeiten,
so wie wir sie in Deutschland haben. Sobald die Sonne scheint,
ist es immer richtig warm und, wenn sie weggeht, sofort ziemlich
kuehl. Der einzige Unterschied ist, dass es im Sommer mehr regnet
(Im Winter sieht man keine einzige Wolke am Himmel) und es im
Winter nachts besonders kalt wird.
Meine Familie (bei mir wohnen meine Gastmama, Gastoma und meine
4 Gastgeschwister) hat mich von Anfang an total lieb aufgenommen
und ich versteh mich sehr gut mit allen. Vor allem hab ich jetzt
endlich mal ne kleine Schwester ;)
Ich gehe hier auf die Deutsche Schule, was so seine Vor- und
Nachteile hat. Einerseits ist es schon gut, mal jemanden zu
haben, der Deutsch spricht, wenn es mal ein Problem gibt oder
so, aber es ist natuerlich auch viel schwieriger, Spanisch zu
lernen, wenn alle auch Deutsch koennen und man immer darauf
ausweichen kann.
Ausserdem sind hier jedes Jahr immer total viele
Austauschschueler, denn die Deutsche Schule schickt jedes Jahr
die Jahrgangsstufe 11 nach Deutschland und dementsprechend kommen
dann auch einige Gastgeschwister zum Rueckaustausch nach La
Paz. Es ist schon schoen, hier Leute zu haben, die die selben
Erfahrungen machen, eventuell die selben Schwierigkeiten haben
und einen verstehen, aber dadurch, dass jedes Jahr uebers ganze
Jahr verteilt etwa 30 Austauschschueler nach Bolivien kommen,
ist es, vor allem am Anfang, auch schwer gewesen, die Bolivianer
naeher kennenzulernen.
Das Leben in Bolivien ist ein ganz anderes. Ich lebe hier in
der Mittel- bis Oberschicht Boliviens, was z.B. heisst, dass
so gut wie alle Familien ?empleadas? haben. Das sind Hausmaedchen,
die putzen, waschen, kochen und z.B. das Essen servieren (vor
allem das fand ich am Anfang komisch!). Hier ist alles viel
spontaner und lockerer als ich das aus Deutschland gewohnt bin.
Man plant alles nur kurzfristig, schmeisst Plaene sowieso tausend
mal um und lebt einfach so ein bisschen mehr in den Tag hinein.
Wenn gutes Wetter ist, liegen zum Beispiel staendig irgendwelche
Leute einfach auf den Wiesen und legen eine kleine Siesta ein
;)
In Bolivien wird um alles gehandelt und gefeilscht, was geht,
selbst bei dem Kauf von Taschentuechern wird erstmal um eine
angemessene Summe diskutiert. Taxifahren kostet umgerechnet
gerade mal um die 60 cent und wenn man fuer ein komplettes Abendessen
im Restaurant etwa 6 € ausgibt, dann ist das schon unglaublich
viel!
In Bolivien schnallt sich beim Autofahren noch nicht mal die
Polizei an und es herrscht absolutes Verkehrsdurcheinander ;)
Nicht zu vergleichen mit Deutschlands geregeltem Verkehr.
Hier faehrt jeder, wie er will, treu dem Gesetz, wer am lautesten
hupt, hat Vorfahrt.
Wenn man minderjaehrig ist und keine Fuehrerschein hat, ist
das auch kein Problem man faehrt einfach trotzdem und wenn man
doch mal von der Polizei angehalten wird, dann drueckt man ihr
30 Bolis (also etwas weniger als 3€) in die Hand und es
geht weiter.
Man geht hier auf Parties in den groessten Villen
ein und aus, faehrt in den dicksten Jeeps (hier haben irgendwie
fast alle Jeeps, warum, weiss ich nicht, denn sooo schlecht
sind die Strassen eigentlich nicht) und eine meiner Lehrerinnen
ist die Schwester des Expresidenten Mesas und der Vater von
einem Freund von mir hier ist der Besitzer der groessten Supermarktkette
Boliviens und von einer der groessten Zigarettenmarken.
Wenn man dann aber mal aus den Villenvierteln in der Suedzone
rausgeht und durchs Zentrum laeuft, dann sieht man, dass es
immer noch ein sehr armes Land ist. Der Unterschied ist einfach
wahnsinnig krass!
Sehr viele Leute betteln, Kinder versuchen dir irgendwelche
Sachen zu verkaufen und tausend Schuhputzer (meist Kinder bis
Jugendliche) wollen dir die Schuhe saeubern und Strassenhunde
ziehen durch die Gegend. Abends bzw. nachts sieht man dann die
ganzen Obdachlosen, die irgendwo unter Zeitungen auf der Strasse
schlafen (das sind viele und in La Paz wird es nachts einfach
nur RICHTIG kalt). Die meisten der Leute, die so gut wie nichts
haben, wohnen in " El Alto". "El Alto" war
mal ein Vorort von La Paz, ist aber mittlerweile mit ca. 700.000
Einwohnern eine eigenstaendige Stadt und eigentlich eher ein
grosses Elendsviertel. Die Leute vom Land, die versuchen ihren
Lebensstandart mit Arbeit in La Paz zu verbessern, kommen da
hin. El Alto ist die am schnellsten wachsende Stadt Suedamerikas
und wird auch die tote Stadt genannt, weil die ganzen Leute
(Taxifahrer, Strassenhaendler, Empleadas, Bauarbeiter und und
und) bis auf sonntags den ganzen Tag in La Paz arbeiten und
El Alto ziemlich leer ist.

Bolivianer lieben Taenze und Feste! Ich habe
noch kein Land gesehen, das so viele verschiedene Volkstaenze
hat, die auch immernoch regelmaessig getanzt werden. Es gibt
hier zu jedem Fest spezielle Taenze und das aus jeder verschiedenen
Region. Diese Taenze sind zum Teil schon sehr alt und haben
sich z.B wie "Caporales" als Tanz der Sklaven gegen
die Spanier entwickelt, oder die "Diablada", die den
Kampf zwischen Teufeln und dem Erzengel darstellt (die Diablada
hab ich uebrigens auf dem Schulfest selbst schon getanzt!).
Bolivien ist ein Land, in dem sich christliche Braeuche und
die alten Traditionen, z.B.der Aymara ("Nachfahren"
der Inka) sehr stark vermischt haben, weswegen man hier z.B
Sonntags in die Kirche geht, aber trotzdem "Pachamama"
(Mutter Erde) anbetet und es sehr viele Feste und Riten gibt.
Staendig gibt es, besonders in den Doerfern, einen Grund zum
Feiern und das ganze Dorf zieht tanzend und musizierend durch
die Strassen und viele sind dabei auch gerne mal betrunken.
Ich bin hier schon ein wenig herumgereist, und
hab schon ein bisschen vom Tiefland gesehen (war in Santa Cruz
und noch in einer kleineren Stadt im "Departamento"
(departamentos entsprechen den Bundeslaendern in Deutschland
von La Paz) und am Beruehmten "Lago Titicaca", auf
der Sonneninsel (Geburtsort der Inka), in Boliviens Hauptstadt
"Sucre" und hab den Karneval in "Oruro"
besucht. Jetzt fehlen mir noch der Dschungel, die Pampas, der
Strand von Chile und vielleicht noch Tarija. Bis jetzt hat mir
aber alles total gut gefallen, ganz besonders Santa Cruz (grosse
Stadt, immer tolles Wetter, schoene Plaetze, viele Geschaefte
und Parties, schoene Landschaft drumherum. "was will man
mehr?"
Die Schule ist ganz anders als in Deutschland.
Der Unterricht ist viel lockerer. Die Schueler hoeren Musik,
man geht zum Telefonieren halt einfach kurz raus, es wird viel
mehr gequatscht und Muetzen setzt sowieso niemand ab. Das Verhaeltnis
zwischen Schuelern und Lehrern ist aber viel besser und herzlicher
und alle dutzen sich und reden sich beim Vornahmen an. Allerdings
werden hier staendig Tests geschrieben und Hausaufgaben eingesammelt
und Referate gehalten.
In meinem Jahrgang gibt es auch 2 Klassen, die deutschsprachigen
Unterricht haben und das deutsche Abitur (allerdings schon nach
12 Jahren) ablegen. Hier gibt es aber keine Kurse, sondern bis
zum Abschluss (egal ob bolivianisch oder Deutsch) bleiben die
Klassen zusammen (und das von den ersten Klassen an). Das heisst
aber auch, dass man weniger freie Wahlmoeglichkeiten hat, in
welchen Faechern man seine Pruefungen ablegen will und dass
die Schueler /-innen unselbststaendiger sind. Die Lehrer haben
viel mehr Zeit, sich um die einzelnen Schueler und spezielle
Probleme zu kuemmern, weil die Klassen sehr klein sind (immer
nur so 15 bis 20 Schueler) und die Klassengemeinschaft ist viel
besser. Generell ist der Zusammenhalt staerker, es gibt keine
wirklichen Aussenseiter und dieses Schulbewusstsein ist viel
groesser.
Die Schule ist total schoen (ist auch eine der teuersten in
Bolivien) und hat sogar nen richtigen Videoraum mit ganz grosser
Leinwand ;)
Ich hab jetzt noch 2 Monate hier, in denen ich noch ganz viel
reisen und mein Spanisch noch weiter verbessern moechte und
wuerde bis jetzt sagen, dass dieser Austausch das beste ist,
was ich jeh gemacht hab.

Ich hab hier sehr viel Neues kennengelernt und
ausprobiert und bin dadurch auch offener geworden, bin selbststaendiger
und selbstbewusster geworden, hab eine neue Sprache erlent (denn
mitlerweile spreche ich schon viel besser und versteh fast alles)
und ich bin einfach total gluecklich hier. Ich hab neue Freunde
gefunden, ein Stueckchen mehr von der Welt gesehen, dabei eine
komplett andere Kultur kennengelernt und auch ein bisschen mehr
die Heimat zu schaetzen gelernt ;)
Viele Gruesse aus dem fast immer sonnigen La Paz,
Rika Bohmann
Ein Schuljahr
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letztes Update
15.06.2008
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