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Nina Kloss schreibt aus Ridgefield (USA)

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Weite Landschaften, gigantische Hochhaeuser in den Stadtzentren und sehr aufgeschlossene und kontaktfreudige Menschen- dafuer ist Amerika bekannt und so habe auch ich das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten kennengelernt.
Zusammen mit meinen Gasteltern und zwei juengeren Gastschwestern lebe ich in Ridgefield, im Bundesstaat Washington, nahe der Staatsgrenze zu Oregon. Ridgefield ist eine Gemeinde im Clark County, die 2147 Einwohner zaehlt, bezeichnet jedoch auch die Region zwischen dem Lewis und dem Columbia River, in der ich wohne.
Sowohl die Berge, unter ihnen der 2550 m hohe Vulkan Mount St. Helens, als auch der Pazifik sind innerhalb einer Autostunde zu erreichen. Washington hat den Beinamen “Evergreen State“ und ist beruehmt für seine weiten Naturlandschaften und Nationalparks, die sich im Norden bis nach Kanada erstrecken. Wir leben hier in der Zeitzone der Pacific Standard Time und sind somit 9 Stunden vor der mitteleuropaeischen Zeit.

Seit Anfang September besuche ich die Prairie High School im Battle Ground School District. Noch vor meinem ersten Schultag an der PHS, die mit 1450 Schuelern um einiges groesser ist als das ASG, nahm ich bereits am Training der Maedchen Fussballmannschaft der Schule teil. Die Tryouts, eine Art Sichtungstraining beginnen in den Sportarten gut eine Woche vor dem eigentlichen Schulbeginn und haben den Zweck, die gemeldeten Teilnehmer nach Kondition und Leistungsstand zu klassifizieren.

Sport spielt an amerikanischen Schulen eine grosse Rolle und wird sehr ernsthaft und diszipliniert betrieben. Der Teamgeist steht hier an erster Stelle und ueber den Sport habe ich bereits zu Beginn meines Aufenthaltes in Amerika viele neue Kontakte schliessen koennen.
Schnell habe ich auch herausgefunden, dass mein Fussballtrainer neben Sport auch Deutsch an der Schule unterrichtet. Mit Zurufen wie “Beeilung!“ und “Das war klasse!“ brachte er die Heimat auch gleich ein kleines Stueckchen naeher.

Die Schule beginnt morgens um 7:30 Uhr und endet um 14:00 Uhr. Auf Puenktlichkeit wird besonders grossen Wert gelegt und Ausreden bei Verspaetungen haben eigentlich nur Erfolg, wenn mindestens eine Naturkatastrophe dafuer die Ursache war.

Zusammen mit Schuelern aus der Nachbarschaft fahre ich morgens mit dem Bus zur Schule, -einem traditionellen gelben Schulbus mit Blattfedern und harten Baenken, wie er in vielen amerikanischen Filmen zu sehen ist. Mein Wohnort liegt in einem anderen Schulbezirk als meine Schule und da wir hier sehr viel Gegend haben, dauert die Fahrt eine gute halbe Stunde.

Mein Tag beginnt mit dem allmorgendlichen Fruehsport in der Aerobics – Klasse. Bei fetziger Musik wird auch der letzte Morgenmuffel aus seinen Traeumen aufgeweckt und wenn es anfangs auch noch Muskelkater gab, sind heute die gymnastischen Uebungen Normalitaet für einen beschwingten Start in den Schultag.

An amerikanischen Highschools bestimmen die Schueler weitestgehend ihren Werdegang und die zu belegenden Faecher in eigener Verantwortung. Die Beratungslehrer, die Guidance Counselor, fuehren vor Beginn des Schuljahres Gespraeche mit den Schuelern und geben Ratschlaege, welche Faecherkombinationen neben den Pflichtfaechern, wie z.B. Englisch oder amerikanische Geschichte, nach Leistungsstand und Neigung des Schuelers zu belegen sind.


Auch als Austauschstudent war ich verpflichtet vor dem ersten Schultag das Gespraech mit dem Counselor zu fuehren. Fuer den Lehrer war es schon ein guter Test herauszufinden, wie es um meine Sprachkenntnisse bestellt war. Mein Ziel war es natuerlich, in der senior class im naechsten Jahr den Abschluss, die “graduation“, zu schaffen und als Absolventin mit “cap and gown“, das sind der Doktorhut und der Kittel, die Highschool zu beenden.
Mein Interview verlief erfolgreich und nun beschaeftige ich mich in der senior class u.a. mit Honors American Literature, Physics, Biology, U.S. History und Calculus.
Der Unterricht erfolgt in den Schulsemestern taeglich in der gleichen Reihenfolge der Faecher und viele Tests sind an der Tagesordnung. Bei mir laeuft es eigentlich sehr gut und ich habe mich an das manchmal doch sehr gedraengte Arbeitspensum schon gewoehnt und weiss damit umzugehen. Seit kurzem bin ich auch Mitglied in der National Honor Society, einem Club, der sich US weit durch die Organisation u.a. von Wohltaetigkeitsveranstaltungen und humanitaeren Aktionen auszeichnet.
Amerikanische Schulen bestimmen auch nach Unterrichtsende den Alltag vieler Teenager.
Vom Drama Club ueber einen Science Club, eine Arbeitsgemeinschaft, die naturwissenschaftliche Themen diskutiert, bis hin zu dem in vielen Filmen thematisierten High School Sport bietet die Schule etwas fuer jeden Geschmack.

Das Highlight der Woche fuer die meisten Schueler, aber auch fuer Lehrer und Eltern, waren die Footballspiele, die in den Monaten September und Oktober woechentlich ausgetragen wurden. Hier ist es angebracht, den “school spirit“ zu zeigen. Durch das Tragen von T-Shirts mit Schulwappen und den Farben der Schule zeigt man seine Zugehoerigkeit und unterstreicht den Teamgeist.

Mit Verstaerkung seitens der Schulband und den Cheerleadern wurde die eigene Mannschaft angefeuert und der Jubel war umso groesser nach einem gewonnenen Spiel. All diese Rituale werden sehr ernsthaft vollzogen und gepflegt und niemand haette Verstaendnis dafuer, wenn man sich darueber lustig macht oder sich davon ausschliessen wuerde. Viele der Stammspieler, insbesondere beim Football, werden ihre sportliche Karriere später an den Colleges und Universitaeten fortsetzen und oft entscheidet die sportliche Leistung ueber die Vergabe von Stipendien.

Einen genauso hohen Stellenwert wie der Schulsport haben die Schulbaelle, allen voran der Homecoming Dance. Schueler dekorierten das Schulgebaeude dem Motto „Guys and Dolls; a Broadway Show“ entsprechend, engagierten einen DJ, der fuer die richtige Musik sorgte und es wurde natuerlich getanzt. Viele ehemalige Schueler waren anwesend, die die Gelegenheit nutzen, ihre alte Schule zu besuchen und Klassenkameraden wiederzusehen.


Bevor ich mit den anderen Seniors zum Ball gefahren bin, trafen wir uns bei einem meiner Schulfreunde zum Dinner. Fuer diesen Anlass wurde eigens ein Koch engagiert, der fuer uns ein exklusives Homecoming Menue zubereitete. Homecoming ist ein vornehmer Ball und dementsprechend wird auch von den Boys und Girls die angemessene Kleidung erwartet, alles sehr festlich und in gedeckten Farben.

Am 31. Oktober ging es hier dann gespenstisch zu, als sich jedermann fuer Halloween verkleidete. Kostuemierte Kinder und Jugendliche klopften an die Tueren. Trick or treat- Suesses, sonst gibt es Saures- hiess die Loesung, um Suessigkeiten zu ergattern. Sogar einige meiner Lehrer kamen verkleidet zur Schule und verteilten Schokolade im Unterricht.

Ein Grossteil der Verwandtschaft meiner Gastfamilie kam zusammen, um gemeinsam Kuerbisse auszuhoehlen, die dann am Abend die Eingaenge der Haeuser beleuchteten. Die Geschaefte stellten sich schon seit Anfang September ganz auf Halloween ein. Ob Lebensmittel, Schreibutensilien oder Kleidung, alles wurde dem Thema gerecht dekoriert. Halloween hat in den USA einen hohen Stellenwert und ist mit der Intensitaet wie es gefeiert wird, mit dem Halloween in Deutschland (noch) nicht zu vergleichen.

Am 23. November habe ich mein erstes Thanksgiving erlebt. Thanksgiving ist ein Fest der Familie, das von allen Amerikanern traditionell am vierten Donnerstag im November gefeiert wird und es erinnert an das gemeinsame Essen der Indianer und der Pilgervaeter, die mit der Mayflower im November 1620 an der Ostkueste der Neuenglandstaaten anlandeten. Von Donnerstag bis zum darauffolgenden Montag gibt es selbstverstaendlich Schulfrei.
Zum Fest trafen wir uns mit der ganzen Familie, um in erster Linie den gebratenen Truthahn zu essen. Angeregte Unterhaltungen und Gelaechter erfuellten den Raum. Am Nachmittag wurde gemeinsam das Footballspiel zweier Erzrivalen von regionalen Colleges im Fernsehen angesehen,welches als “Civil War“ tituliert wurde, waehrend die Kinder im Garten spielten. Football erfreut sich auch in meiner Gastfamilie sehr grosser Beliebtheit.

Nach Thanksgiving wurde der Vorweihnachtsverkauf offiziell eingelaeutet. Die Geschaefte oeffneten schon um 5:00 Uhr morgens und lockten mit zahlreichen Angeboten tausende von Kunden in die Shopping Center. Die Bilder des Spektakels, die sehr an unsere Winter- oder Sommerschlussverkaeufe erinnerten, wurden abends im Fernsehen uebertragen.
Nun geht es mit grossen Schritten auf Weihnachten zu, einem weiteren Fest, das hier mit anderen Sitten und Braeuchen gefeiert wird. Ich werde mich natuerlich auch in den Trubel stuerzen und zusehen, dass ich alle Weihnachtsgeschenke fuer die Familie und meine Freunde puenktlich erstehe und die festliche Stimmung ausgiebig geniesse. Vielleicht sehe ich ja den großen roten Weihnachts-Truck, der die coffeinhaltige Limonade ausliefert und von Santa Clause persoenlich gefahren wird

Mir geht es gut in Amerika und ich habe noch keinen Tag bereut, den ich hier verleben durfte. Die ersten Monate waren erwartungsgemaess sehr arbeitsreich und ich habe mich schon weitgehenst in die Lebensweise integriert. Wenn ich am PC die Hausaufgaben mache, geht mein Blick natuerlich immer mal auf den “Albert“, so dass ich bestens informiert bin, was so in der Heimat passiert. Es war auch schoen zu lesen, dass es den anderen Weltenbummlern ebenfalls gut geht und sie ihren Aufenthalt geniessen.

Meinen ersten Artikel beschliesse ich mit herzlichen Gruessen an alle daheim und in der Welt und ich freue mich schon jetzt auf weitere Berichte.

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letztes Update 03.12.2006