06.02.2008
Mit Spaß und Leidenschaft stundenlang
fernsehen
MARL. (HPM) Zwölf Stunden täglich fernsehen und
diskutieren - das hält man nur mit viel Kaffee, Obst
und Multivitaminsaft durch. Und mit Idealismus. Die Marler
Gruppe, bekannt als Publikumsjury des Adolf-Grimme-Preises,
bringt diesen Idealismus seit 40 Jahren auf. Einige Mitglieder
verzichten fürs Dauerfernsehen sogar auf ihren Urlaub.
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"Statt Sonne bekomme ich Bildung", sagt Jurorin
Christiane Tausch. "Manche Reportagen, die spät
nachts laufen, würde ich mir zuhause gar nicht angucken."
Kerstin Pesch, Schülerin des Albert-Schweitzer-Gymnasiums,
schätzt das stundenlange Debattieren: "Wo sonst
kann ich mit so vielen Leuten übers Fernsehen diskutieren!?"
Und diese Diskussionen haben es in sich. Gleich nach dem
Abendessen kämpfen die Publikums-Juroren mit Argumenten
für ihre Favoriten, versuchen, die anderen Mitglieder
umzustimmen. Den Sieger ermittelt die Marler Gruppe nach einem
komplizierten Modus in fünf Wahlgängen. Oft geht
es ganz knapp aus. Die Reportage "Der Tag, der in der
Handtasche verschwand", siegte 2002 mit einem Zehntelpunkt
Vorsprung.
Die Marler Gruppe ist eine fernsehkritische Arbeitsgemeinschaft
der insel. Nach dem Ausscheiden des langjährigen Leiters
Jochen Stelzer hat Monika Kaczerowski den Kurs übernommen.
Das ganze Jahr über analysieren die Teilnehmer Fernsehtrends
- von der Super-Nanny bis zur Koch-Show. Jeder Interessierte
kann sich einschreiben.
Schüler - sie stellen ein Drittel der Jury- müssen
sich allerdings kurz und förmlich bewerben. Ein paar
Tage Unterrichtsausfall müssen sie zudem verkraften:
Den Stoff fürs Zentral-Abitur will Kerstin Pesch später
nachholen. Dafür lässt die musikbegeisterte Schülerin
ihre Akkordeon-Stunden ausfallen.
Unter den Hobby-Juroren sind auch Lehrer, eine Zahntechnikerin,
Elektriker und Rentner. Beim Grimme-Preis 2008 konzentrieren
sich alle auf die Sparte Information und Kultur. Jurorin Ursula
Möbus dazu: "Ich finde Reportagen viel informativer.
Und weniger anstrengend als lange Spielfilme, die mich nicht
interessieren"
Höhepunkt der Jury-Arbeit ist die Grimme-Preis-Verleihung.
Kerstin Pesch hat die Trophäe im vorigen Jahr an Regisseur
Jo Baier ("Nicht alle waren Mörder") überreicht.
Ihr Lampenfieber verflüchtigte sich in dem Moment, als
sie auf die Theaterbühne gerufen wurde: "Es war
schön, persönlich mitzuteilen, warum wir uns für
den Film entschieden haben. Je mehr Menschen zugucken, desto
besser." Wörtlich
Die Geschichte der Marler Gruppe erzählt eine Festschrift
zum 40jährigen Bestehen, die in der insel erhältlich
ist. Politik, Banken, Firmen und der Grafik-Designer Christoph
Balan haben das Projekt unterstützt. -
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06.02.2008 | Quelle: Medienhaus Bauer