Die
Seite ist optimiert für Internet Explorer
Auf den Spuren von Thomas Manns
"Buddenbrooks" in Lübeck
oder
Wie ein Grundkurs Deutsch den Karneval neu entdeckte
Wer die Gästebucheintragungen einiger
Teilnehmer der literarischen Exkursion nach Lübeck liest, bekommt
den Eindruck, als hätten die Ruhris, die sich da auf den Weg
gemacht hatten, versucht, echte Karnevalsstimmung in die alte Hansestadt
im Norden zu bringen. Mitnichten! Dieser Eindruck täuscht!
Alles ist bloß Verstellung, Tarnung, um nur ja nicht in den
Verdacht zu kommen, man hätte das Karneval-Wochenende mit Literatur
oder Kultur -oder wie das heißt - verbracht.
Den Buddenbrooks verfallen
Na
klar, das stimmt! Der Roman von Thomas Mann, 1901 erschienen, war
Unterrichtsgegenstand, aber doch nur gezwungenermaßen - für
den Lehrer. Dieser hatte die Lektüre über die Weihnachtsferien
aufgegeben und damit einen Versuchsballon steigen lassen in der
festen Erwartung, nach den ersten 200 von 759 (in Worten: siebenhundertneunundfünfzig!!!)
Seiten würden alle aufgeben. Aber oh Wunder! Nach den Ferien
drängten bereits viele, man möge mit dem Roman sofort
beginnen. Nicht abwarten konnten sie es. Großzügig räumten
sie einigen, die mit so vielen Buchstaben mehr Mühe hatten,
eine Fristverlängerung ein. Und dann! Kaum mit der Besprechung
begonnen, flehte der Kurs um die Organisation einer Exkursion nach
Lübeck. Ohne Bedingungen, auch wenn's das Karnevalswochenende
sein sollte. Nur mit Mühe konnte der Kursleiter den Rosenmontag
freikämpfen.

Die Maske fällt
Das Foto dokumentiert den Versuch des
Deutschkurses, der ALBERT-Gemeinde die Reise als karnevalistisches
Unternehmen vorzugaukeln. Auch die, die behaupteten, sie seien direkt
von der Weiberfastnachts-Fete zum Bahnhof gekommen, konnten den
Verdacht nicht entkräften, für die Alkoholfahne sei nur
ein entsprechendes Kaugummi verantwortlich. Die auffällig aufgeräumte
Stimmung war nur Ausdruck unbändiger Freude, endlich einem
literarischen Erlebnis nahe zu sein.Und tatsächlich! Kaum näherte
sich der Zug der Grenze Westfalens, verschwand die Rothaarperücke
und die Bücher wurden herausgeholt. Schon
jetzt erregte der Kurs mit lautstark und engagiert geführten
Debatten über die verschiedenen Interpretationsansätze
die Aufmerksamkeit der Mitreisenden. Besonders die Leitmotivtechnik
Thomas Manns und seine Anwendung ironischer Darstellung erhitzten
die Gemüter. Die Frage, ob der Roman dem Realismus zuzurechnen
sei, musste offengehalten werden und wird die nächsten Unterrichtsstunden
bestimmen.
Lübeck - endlich da!
Manch einer unterdrückte einen Seufzer
der Ergriffenheit, als die Reisegruppe Lübecker Boden betrat
und allen bewusst wurde, dass vielleicht auf diesem Bahnsteig Christian
Buddenbrook angekommen oder der Konsul Thomas Buddenbrook seiner
schönen Frau Gerda aus dem Zug geholfen hat.Einige konnten
es kaum fassen, als sich herausstellte, dass das Jugendgästehaus,
in dem sie untergekommen waren, nur wenige Häuser vom Buddenbrookshaus
entfernt liegt und weinten schluchzend in die Kissen. Und
so drängten alle ganz schnell hinaus in die Stadt, die sie
sich ganz erobern wollten, immer auf den Spuren der Buddenbrooks.
Scheu drückten
sie sich noch am Buddenbrooks-Haus vorbei, das erst am nächsten
Tag besucht werden sollte. Mit "Ah" und "Oh"
wurde die imposante Fassade des Rathauses aus dem 13. Jh. bestaunt,
in dem Thomas Buddenbrook zum Senator gewählt wird und Thomas
Mann 1955 die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt verliehen
wurde.Beklommenheit löste der düstere Backsteinbau des
Gymnasiums "Katharineum" aus, in dem nicht nur der Schüler
Thomas Mann (dreimal nicht versetzt und dann ohne Abschluss abgegangen!!!)
sondern auch seine Romanfigur Hanno Buddenbrook scheußliche
Ängste ausstanden.Vielleicht war es der tiefe Eindruck der
Schulepisode aus dem Roman, der die zart Besaiteten aus der Gruppe
abends in Finnegans Bar zum Whiskey greifen ließ. Nur einer
versuchte die Buddenbrookschen Familienfeiern in einer Diskothek
wieder aufleben zu lassen.
So ging der erste Tag dahin...
Schopenhauers Lebensekel
Wieder mit Alkohol endete auch der zweite
Tag. Zunächst im Brauhaus Brauberger. Aber was war dem nicht
alles vorausgegangen! Die Besichtigung des Doms, zu dem, wie die
Mitglieder des Leistungskurses Geschichte sachkundig erläuterten,
Heinrich der Löwe 1173 den Grundstein gelegt hat, oder der
Aegidii-Kirche von 1227 mit ihren gotischen Wandmalereien und schließlich
die Marienkirche gegenüber dem Buddenbrooks-Haus. Es entbrannte
unter den Exkursionsteilnehmern ein wahrer Wettbewerb, wer den anderen
am kundigsten die Kunstschätze erklären könnte.Hier
zeigt sich die intellektuelle und feinsinnige Seite des Kurses am
klarsten, während zur gleichen Zeit in den westfälischen
Niederungen die sogenannten Karnevalisten sich an tumben Pointen
und unbeholfenen Tänzen abmühten.
Doch alles Bisherige war nur eine scheue Annäherung an das,
was nun folgte. Der Eintritt in das Haus der Buddenbrooks, zugleich
Wohnhaus der Großeltern von Thomas und Heinrich Mann.Bei der
Führung durch die einzelnen Abteilungen der Ausstellung brillierten
die Kursteilnehmer mit detaillierten Kenntnissen des Romans und
erstaunten immer wieder die kompetente Führerin, die dem Kurs
schließlich das Qualitätssiegel "Hochleistungsgrundkurs"
(HLGK) verlieh. Ja, es kam vor, dass in dem Landschaftszimmer, das
nach der Beschreibung im Roman hergerichtet ist, die Romanausschnitte,
die die Führerin vorlas, auswendig von den Kursteilnehmern
ergänzt wurden, als hätten sie selbst diese Zeilen verfasst.

Und so mancher verwandelte sich unmerklich in die eine oder andere
Romanfigur und blickte wie der Senator Thomas Buddenbrook hinüber
zur Marienkirche und dachte über den Verfall seiner Familie
nach.
Nur unter Hinweis auf seine eigenen erschöpften Kräfte
konnte der Expeditionsleiter die Gruppe davon abhalten, auch die
Buddenbrooks-Stätten am Strand von Travemünde zu besuchen.
Nach den kulturellen Höhepunkten
des Tages war es nur zu verständlich, dass nun die Einkaufspassage
Lübecks oder die Marzipanbäckerei Niederegger vor dem
Kurs kaum noch Gnade fanden. Die Bücher waren durchgelesen,
auch die vom letzten Geld im Buddenbrookshaus gekauften. Der Kurs
war für die einfachen Dinge des Lebens verdorben. Dies zeigte
sich in erschreckender Deutlichkeit vor dem Fernseher beim Fußball-Derby
Schalke-Dortmund.
Unübersehbar
der Widerwille, ja Ekel vor dem unqualifizierten Gepöhle und
der erbärmlichen Sprache von Werner Hansch. "Heiliger
Buddenbrook!", dachten alle", was für ein Niveau!"
Es war schließlich nur Verantwortungs-bewusstsein, das den
Kursleiter drängte, alles zu versuchen, die jungen Leute für
das reale, einfache Leben wiederzugewinnen. Und so schickte er sie
in die Diskothek "Queens", wo sie wieder Tuchfühlung
mit dem Leben aufnehmen sollten. Die Schilderungen im Gästebuch
zeigen, dass die pädagogischen Bemühungen in dieser Richtung
fortgesetzt werden müssen. Aus mancher Zeile spricht die ganze
Strenge und der Pessimismus Schopenhauers, der schon den Senator
Buddenbrook so nachhaltig beeindruckte..So zeigt dieser Bericht,
wie die Exkursion wirklich war, aber auch, wo die Gefahren eines
solchen kulturellen Kapitalerlebnisses liegen.
|