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12.11.08
Sportstudie: Kindern fehlt es an der richtigen
Bewegung
Von Wolfgang Dahlmann
Essen (dpa) - Bundesinnenminister
Wolfgang Schäuble (CDU) brachte mit einem Satz auf den
Punkt, was Sportwissenschaftler auf 500 Seiten im Detail beschrieben:
«Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.»
Mit Blick auf den «Zweiten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht»
heißt das: Wer nicht schon als Kind die richtigen Grundlagen
vermittelt bekommt, wird sich auch später nicht durch Sport
fit und gesund halten. Dabei geht es dem von der Essener Krupp-
Stiftung initiierten Projekt nicht um den Aufstieg vom Talent
zum Weltmeister, sondern um das Erlernen motorischer Grundlagen,
das Miteinander der Kinder und um ein gesundes Leben.
«Die Kinder sollen sich
viel bewegen, am besten täglich», ist die Kernaussage
des Berichts - in der Freizeit, im Kindergarten und in der Schule,
und zwar unter Anleitung entsprechend ausgebildeter Erzieher,
Lehrer und Trainer im Verein.
Gerade da liegt für die Sportwissenschaftler
einiges im Argen. Kaum ein Erzieher im Kindergarten habe eine
vollständige Ausbildung erhalten, wie er sportliche Bewegung
vermitteln soll. An Grundschulen leiteten meist fachfremde Lehrer
den Sport, im Verein werde manchmal der Hochleistungsgedanke
in Kinderjahren übertrieben.
Das wollen die Sportwissenschaftler
ändern. Der Leiter des Kindersportberichts, der Essener
Prof. Werner Schmidt, schaut auf die Nachbarländer in Europas
Norden. Sie liegen in Vergleichen vorn, auch im Sport. «Die
Skandinavier investieren drei- bis viermal mehr im Grundschulbereich.
Auch in den Kindergärten haben die Erzieher viel mehr Möglichkeiten,
weil allein schon mehr ausgebildetes Personal zur Verfügung
steht», sagt Schmidt. In Deutschland geht es zumindest
im Kindergarten voran. Es gibt sogenannte Bewegungskindergärten.
So kümmert sich in Essen ein Diplom-Sportlehrer um einige
Einrichtungen. 100 solcher Bewegungskindergärten gibt es
in Nordrhein-Westfalen. Andere Bundesländer sind ebenfalls
am Ball.
Beim Thema Schulsport zucken dagegen
selbst Lehrer mit den Achseln. «Wir fahren die Kinder
mit dem Bus zur zehn Kilometer entfernten Schwimmhalle, lassen
sie zehn Minuten ins Wasser und fahren sie dann wieder zurück»,
erzählt der Rektor einer Dortmunder Schule. Die Turnhalle
der Schule ist dazu ebenso marode wie überlastet, der Sportplatz
Brachland.
«Die Möglichkeiten
des Sports müssten in Deutschland wesentlich systematischer
ausgeschöpft werden als bisher», betonen die Verfasser
der Studie. Im Mathe-Unterricht könnten die Kinder zum
Beispiel Rechnungen körperlich nachvollziehen. So lassen
sich 100 Meter einfach ablaufen. «Bewegung fördert
das Lernen», heißt es. «Wer sich mehr bewegt,
ist auch in der Schule besser und legt ein besseres Sozialverhalten
an den Tag», mahnt der Sportbericht. «Warum»,
so fragt sich Schmidt, «sind dazu nicht alle Sportangebote
umsonst?». So manche auf Hilfen angewiesene oder kinderreiche
Familie könne sich nicht einmal den Vereinsbeitrag leisten.
Eine Studie der Berliner Humboldt
Universität untermauert Annahmen über positive Auswirkungen
von spielerischen Bewegungsangeboten im Vorschulalter. Nach
zwei Jahren zusätzlichen Angebots hatten die Kinder weitaus
bessere Fertigkeiten erlangt als eine Kontrollgruppe. Auch schnitten
die aktiveren Kinder besser bei Blutdruckmessungen ab. Ein Allheilmittel
gegen Übergewicht ist Sport aber nicht. «Ob Vereinssport,
im Freien spielen oder richtige Ernährung, da haben immer
noch die Eltern ein hohes Gewicht», sagt Schmidt.
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