20.11.08
«Sachsen trumpft bei PISA auf
- Erfolgreiche Mittelschule
Von Simona Block
Dresden (dpa) - Kontinuität, Beharrlichkeit und Geradlinigkeit
zahlen sich in der Bildungspolitik aus. 18 Jahre nach der
deutschen Wiedervereinigung feiert das oft belächelte,
gegen alle Widerstände verteidigte zweigliedrige Schulsystem
einen Erfolg beim PISA-Test. Wer nicht auf das Gymnasium
geht, besucht in Sachsen die Mittelschule. Dort haben alle
Kinder bis zum Ende der 6. Klasse den gleichen Unterricht.
Erst danach wird in den Kernfächern Mathematik, Deutsch
und Englisch nach Haupt- und Realschülern unterschieden.
Dabei können sich die Schüler auch später
noch anders entscheiden - ohne den Stress eines Schulwechsels.
Das sächsische Bildungssystem trägt unterschiedlichen
Neigungen, Zielen und Begabungen der Schüler Rechnung
und gilt inzwischen als Vorbild für Reformen im Westen.
Auch wenn sich Kultusminister Roland Wöller (CDU) mit
Empfehlungen zurückhält, sagt er selbstbewusst: «Wir
sind dort, wo andere Länder noch hinmüssen.» Nach
dem Grundsatz «Jeder zählt!» spiele soziale
Herkunft eine geringere Rolle für den Bildungserfolg
als in anderen Ländern, lobte auch Ministerpräsident
Stanislaw Tillich (CDU).
Die Weichen für den Erfolg wurden Anfang der 90er
Jahre gestellt. Da fiel die Entscheidung gegen die bislang übliche
Hauptschule und für Gymnasium oder Mittelschule nach
vier Jahren Grundschule - damals eine Neuigkeit und nun Rückgrat
sächsischer Bildungspolitik. Der deutsche PISA-Koordinator
Manfred Prenzel urteilte in einem Forum 2006: «Sachsens
Mittelschule leistet eine ganz ausgezeichnete Arbeit.» Sie
schaffe es, dass nur relativ wenige Schüler zurückbleiben.
Förderlich ist - paradoxerweise - auch die demografische
Entwicklung. Wegen sinkender Geburtenzahlen und Abwanderungen
mussten auch in Sachsen Schulen geschlossen werden. Aber
obwohl sich die Schülerzahl seit der Wende halbierte,
wurden nur 30 Prozent der Lehrerstellen gestrichen. Das bessere
Schüler-Lehrer-Verhältnis wirkt sich ebenso positiv
aus wie die gleichbleibenden Bildungsausgaben von 2,3 Milliarden
Euro pro Jahr. Davon profitieren vor allem die schwachen
Schüler. Nach dem ersten PISA-Test (2000) wurden zudem
die Lehrpläne von überflüssigem Stoff befreit.
Der Unterricht ist fachübergreifend, ein Thema wird
nicht nur in Physik, Chemie und Biologie, sondern etwa auch
in Deutsch betrachtet. Das fördert die Fähigkeit,
Wissen anzuwenden. Das Augenmerk auf die Naturwissenschaften
zahlt sich aus. «Wir sind hier nicht nur bundesweit
vorn, sondern haben international nur noch Finnland vor uns»,
sagt der ehemalige Kultusminister Steffen Flath (CDU). Vor
zwei, drei Jahren habe daran niemand geglaubt. «Wir
wollen wirtschaftlich an die Weltspitze, da ist Voraussetzung,
dass wir uns bei der Bildung anstrengen.»
Mit Blick auf die heutigen Ansprüche und Forderungen
aus der Wirtschaft können an Gymnasien bestimmte Fächer
nicht mehr abgewählt werden. Künftig wird in allen
Naturwissenschaften, zwei Fremdsprachen, Deutsch und Mathematik
Abitur gemacht. Im Gegensatz zu anderen Ländern hielt
Sachsen auch an zentralen Schulabschlüssen fest, um
deren Anerkennung einst gerungen werden musste wie um das
zwölfjährige Abitur.
Dennoch ist auch in der sächsischen Bildung noch nicht
alles Gold, was glänzt. Schulabbrecher ohne Abschluss,
mehr Förderschulen und die Integration von Kindern aus
Einwandererfamilien sind aus Sicht der Opposition drängende
Probleme. SPD und Linke fordern seit Jahren, dass die gemeinsame
Grundschule aller Schüler über die 4. Klasse hinaus
verlängert wird oder eine Art Gemeinschaftsschule anschließt.
Die CDU hingegen verweist auf die Durchlässigkeit des
derzeitigen Schulsystems, sieht dabei aber durchaus Potenzial
für Verbesserungen. Es geht vor allem um die Übergänge
zwischen Mittelschule und Gymnasium oder Förderschule.
Für den früheren Kultusminister Flath ist die PISA-
Bewertung daher «ein Zwischenerfolg auf dem Weg zur
Weltspitze».
NRW-Schulministerin: PISA-Ländervergleich ist nicht
fair
Düsseldorf (dpa) - Nordrhein-Westfalens Schulministerin
Barbara Sommer (CDU) hält den PISA-Ländervergleich
nicht für aussagekräftig. Ein fairer Vergleich
zwischen den einzelnen Regionen lasse sich auf der Grundlage
der PISA-Zahlen nicht treffen, sagte sie am Dienstag in Düsseldorf.
So betrage beispielsweise beim PISA-Sieger Sachsen der Migrantenanteil
unter den Schülern weniger als 3 Prozent. In Teilen
des Ruhrgebiets liege er dagegen zwischen 30 und 40 Prozent. «Unter
diesen Gesichtspunkten lassen sich keine fairen Vergleiche
zwischen den Bundesländern herstellen», sagte
Sommer.
Die NRW-Ministerin forderte einen Bildungsvergleich zwischen ähnlich
strukturierten Regionen. So sollte das Ruhrgebiet mit den Ballungsräumen
Berlin, Frankfurt, Hamburg und Bremen verglichen werden.
Nordrhein-Westfalen hatte im jüngsten Bundesländervergleich
im Bereich Lesen und Textverständnis einen mittleren
Platz sowie bei Mathematik und bei Naturwissenschaften hintere
Plätze belegt.
PISA-E - der deutsche Bundesländer-Schulvergleich
Berlin (dpa) - Die Abkürzung PISA steht für «Programme
for International Student Assessment». Dahinter verbirgt
sich der weltweit größte Schulleistungstest der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD). PISA-E ist ein deutscher Ergänzungstest
zu dem internationalen Projekt, an dem sich inzwischen rund
60 Staaten beteiligen. PISA-E vergleicht parallel zur internationalen
PISA-Auswertung die Kompetenzen 15-jähriger Schüler
in den 16 Bundesländern.
Für den jetzt veröffentlichten innerdeutschen
PISA-E-Test wurden im Frühsommer 2006 rund 40 000
Schüler an 1300 Schulen getestet. Für die internationale
Studie wurden die Leistungen von rund 5000 Schülern
an 230 Schulen gemessen. Die Testbeteiligung schwankte zwischen
86 Prozent in Baden-Württemberg und 96 Prozent im Saarland
und in Sachsen-Anhalt. In einigen Ländern ist die Teilnahme
verpflichtend. In anderen müssen die Eltern schriftlich
einwilligen. Die Federführung lag beim Leibniz-Institut
für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN)
in Kiel.
Es ist der dritte nationale PISA-Ergänzungstest -
und zugleich auch der letzte. Die Kultusminister haben als
Konsequenz aus dem schlechten deutschen Abschneiden beim
ersten Test PISA-Test im Jahr 2000 bundesweite Bildungsstandards
entwickelt. Sie beschreiben, was ein Schüler zum Abschluss
einer bestimmten Jahrgangsstufe können muss. 2009 wollen
die Kultusminister erstmals auf der Basis dieser neuen Bildungsstandards
einen eigenen bundesweiten Leistungstest durchführen.
Die Federführung übernimmt dann das ländereigene
Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)
in Berlin.
(Internet: www.pisa.oecd.org, www.ipn.uni-kiel.de, www.iqb.hu-