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Nordrhein Westfalen macht Abitur
Das hätten sich der alte Lessing
und sein jüngerer Kollege Theodor Fontane wohl nie zu erträumen
gewagt. dass sich ein ganzer Abiturjahrgang im Jahre 2007 mit ihren
Werken
befassen würde, wenn auch unter den nicht ganz freiwillig
gewählten
Bedingungen des erstmals in NRW durchgeführten Zentralabiturs.
Und das ist ja noch nicht alles: Stadttheater, Tourneetheater,
Landestheater und Fernsehsender hatten schon im Vorfeld ihre Programme
auf die Erfordernisse des Abiturs ausgerichtet, der Buchmarkt reagierte ähnlich
sensibel und arbeitete mit an der Renaissance des bürgerlichen
Zeitalters. Nur ein lebender Autor kann sich mit Recht über
die schulministerielle Entscheidung für die Vorgaben im Zentralabitur
2007 freuen: Bernhard Schlink, dessen Roman "Der Vorleser" auf
diese Weise wieder aus dem Vergessensein hervorgeholt wurde und
dem Autor sowie dem Verlag
noch einmal gesteigerte Auflagenziffern bescherte. Die Schulbuchmacher,
die angesichts der knappen Kassen der Schulen in längeren
Zeithorizonten denken, dürften angesichts der absehbaren Wechsel
der Abiturvorgaben nicht ganz so glücklich sein.
Zu einem echten Leseabenteuer wird die
Beschäftigung mit der "Abitur-Literatur" aber erst
dank der Sicherheits- und Geheimhaltungsvorschriften des Zentralabiturs.
Da sitzen penibel
ausgewählte Lehrerinnen und Lehrer, garantiert ohne verwandtschaftliche
Beziehungen zu einem der Abiturientinnen und Abiturienten in NRW,
mit gespannten
Mienen vor vielfach verschlüsselten Internetseiten, um in
einem eng begrenzten
Zeitfenster
verschlüsselte Dateien abzurufen, die sich am Ende der
Verschlüsselungskette
als Abituraufgaben zu erkennen geben, welche nur noch auf
die Lösung durch die Abiturientinnen und Abiturienten warten..
Von dieser geheimen Wissenslast gebeugt, müssen diese Geheimnisträger
nun mit dem scheuem Blick
der Auserwählten
ein Wochenende lang unter den Menschen leben, wohl wissend, dass
ein
ganzes Land
sich derweil den Kopf über Lessing und Fontane und Schlink
zerbricht.
Vorbei sind für die Schulen zunächst
einmal die Tage mit ständig neuen Verordnungen, Übersichten,
Ankündigungen von weiteren Konferenzen, Korrekturen der Ankündigungen,
mit Übersichten
und wieder Verordnungen. Vor ihnen liegen noch die Korrekturen
und dann die geheimen Treffen an den sogenannten Stützpunktschulen,
wo die Fremd-
und
Zweitkorrekturen
übergeben werden wie zu Zeiten des Kalten Krieges auf der
Glienicker Brücke die Agenten. Dass die beauftragten Lehrerinnen
und Lehrer bei dieser Gelegenheit vermummt sein müssen, wurde
bisher nicht bestätigt.
Das Abitur als
Thriller und Lessing mittendrin. Man kann sicher sein, dass dieser
scharfzüngige Großmeister der deutschen Literatur dafür
einen passenden Kommentar gefunden hätte.
se
Leitfaden
zur Gewährleistung der Sicherheit
beim Zentralabitur
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