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(Sie müssen / ihr müsst
die nächsten gut zehn Minuten mit mir vorlieb nehmen; mein
Schulleiter hat mir auf meine Bitte hin diesen Platz überlassen.)
Wenn man hier steht – etwas
herausgehoben – ist man versucht, der Aufforderung zu
folgen, die mir eine Klasse dieser Stufe einst – genauer
2003 in Obertauern auf dieses zierliche Handwerksgerät
geschrieben hat ........... Die Grobmotorik ist meine Sache
aber heute nicht. Folgen Sie mir zu einer kleinen Tour d’Horizon
durch einige Widersprüchlichkeiten unserer Existenz und
zu den Herausforderungen nicht nur an den Abiturjahrgang 2008.
Rein statistisch seid ihr / sind Sie
heute morgen um 6.23 Uhr aufgestanden; sie brauchen als Mann
24,6 Minuten im Bad, als Frau 28,1 Minuten – das ist offensichtlich
der kleine Unterschied, 23% von Ihnen haben mehr als 30 Minuten
gefrühstückt, ein Drittel höchstens 15 Minuten,
17 % haben gar nicht gefrühstückt, 63% der Deutschen
bevorzugen Vollkornbrot oder kräftiges Graubrot, trotzdem
hat die Hälfte von Ihnen helles Brot oder Toast gefrühstückt,
jeder Vierte hat zu Cornflakes oder Müsli gegriffen –
nicht erfasst ist, ob Sie heute morgen „EM-Stuten“
oder eine „Strafraumecke“ gegessen haben, wer seine
Getreideflocken bei mymuesli.de bestellt hat oder im T-Shirt
mit der Brustaufschrift „Halbzeitschnitte“ am Frühstückstisch
gesessen hat. Die Spiegel-Statistiken vom April zeichnen das
Porträt eines “nicht schlecht ausgestatteten, wohlgenährten,
ganz gut ausgebildeten, halbwegs zufriedenen, insgesamt bescheidenen
Volkes“. Gleichförmiger, als uns bewusst ist, fällen
wir alltägliche Entscheidungen , manche geboren aus aufgezwungener
Notwendigkeit, andere getroffen in ungezwungener Freiheit!
Ich bin mir nicht sicher, ob die Werbekampagne „Wir sind
Deutschland“ auch gemeint hat, dass wir alle dieselbe
Fahne am Auto haben sollten.
Im Ruhrgebiet ist das natürlich alles anders, dort die
Schwarzgelben aus dem Vorort von Lüdenscheid, hier die
Blauweißen aus dem Vorort von Gelsenkirchen! Allerdings
sind das nur die beiden Hälften des gleichen Balles!
Wird nicht in diesen Zeiten die totale Individualisierung zelebriert,
ist das nicht der Stoff, den viele Schulfächer favorisieren?
Welchen Gebrauch machen wir von unserer Freiheit? Wie individuell
sind wir Eltern und Lehrpersonen? Wie individuell seid ihr,
liebe Abiturientinnen und Abiturienten? Nutzen wir unsere Freiheit
nicht oft dazu, auf Freiheit und Individualität zu verzichten?
Werfen wir einen Blick auf eure Generation!
Ihr seid die Kinder des Mauerfalls: Jemand unter euch hat den
9. November 1989 als Geburtsdatum, geboren übrigens in
Karl-Marx-Stadt, das ist Geschichte! Im Jahr eures Eintritts
in die Grundschule hat Christo den Reichstag verpackt. Ihr seid
nicht die Kinder von Marx und Coca Cola, sondern von Harry Potter
und dem Herrn der Ringe mit den Onkeln Kohl und Schröder
und der Tante Merkel.
Ihr zahlt – ohne die DM im Hinterkopf zu haben (heute
ist der 60. Jahrestag der Währungsreform 1948) –
ihr zahlt mit Euro, seid mit Günther Jauch nicht Millionär
geworden und nicht allgemeingebildet, sondern ihr habt eure
Hausaufgaben bei wikipedia statt beim Nachbarn, abgeschrieben.
Der Übergang vom Zappen zum Chatten fiel euch leicht; einige
haben dagegen nur langsam begriffen, dass es sich beim Fall
der New Yorker Türme nicht um ein PC-Spiel gehandelt hat,
auch wenn einige von euch viel Sympathien für Verschwörungs-theorien
haben.
Viele Schulwechsler unter euch haben sich seit 2005 hoffentlich
als „Gast bei Freunden“ gefühlt! Einige von
euch werden „Deutschland am Hindukusch verteidigen“
– dafür sind wir aber Papst – das hätte
ich fast vergessen.
Kann man bei einer solchen Biographie
Individualität ausprägen? Anders gefragt: Kann man
Individualität überhaupt ausbilden? Ist in letzter
Zeit nicht ständig von Standardisierung der Bildung die
Rede: Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen führen
auch zu einer Zentralisierung der Inhalte; und statt Emilia
Galotti in der Saison 2007/2008 wird im Theater jetzt Don Carlos
für das Abitur 2009 und 2010 gespielt – welch’
beeindruckende Vielfalt! Entsteht hier der genormte Abiturient,
vielseitig einsetzbar im Produktionsprozess, stromlinienförmig
ohne Ecken und Kanten. Wollt ihr wirklich der so oft apostrophierte
„flexible Mensch“ sein, der oft gefordert wird,
aber vielleicht gar nicht überlebensfähig ist?
Liebe Abiturienten und Abiturientinnen, entspricht dieses Szenario
tatsächlich euren beruflichen Zielen? Welche Berufsaussichten
erwarten euch? Der Lebensstandard eurer Eltern, für dessen
Erreichen eure Eltern Jahre gebraucht haben, ist euch nicht
garantiert. Nicht nur für die Zukunft gilt: Nichts ist
sicher, es gibt nur verschiedene Grade von Unsicherheit! Natürlich
muss man optimistisch sein - aber: „Optimismus ist nur
ein Mangel an Information“? so ein Bonmot von Harald Schmidt.
Welche berufliche Praxis haben wir Eltern, wir Lehrerinnen und
Lehrer euch vorgelebt, welche Identifikationsangebote haben
wir euch gemacht? Welche Sucht leben wir euch vor? Besteht unsere
Freiheit nur in der freien Fahrt für freie Bürger?
Eine Lust, die uns aber aus verschiedenen Gründen mehr
und mehr verleidet wird.
Wie viele Freiheiten lassen Studiengebühren
und Zentralabitur überhaupt zu – von den Kopfnoten
ganz zu schweigen. Wenn die Auguren recht behalten, werdet ihr
der einzige Abiturjahrgang sein, der stolz oder verärgert
auf diese bürokratische Missgeburt zurückblicken kann;
da haben wir – habt ihr - also doch ein unverwechselbares
Merkmal.
Soviel ist am Zentralabitur übrigens gar nicht zentral!
Ob die Zentralisierung der Fehlleistungen ein Fortschritt ist,
bleibt zu diskutieren. Die Verantwortung für die übereilte
Einführung, die mäßige Vorbereitung und - natürlich
auch menschliche – Fehler bei der Aufgabenstellung liegt
aber - genau wie bei der überhasteten Schulzeitverkürzung
- in der Zentrale und nicht in den Schulen, wie die Ministerin
in Interviews nahe legen wollte.
Meine Damen und Herren, ist Ihnen aufgefallen, dass seit Wochen
kein Mensch mehr von Peking redet, die „Sommer“spiele
fanden in Nordrhein-Westfalen statt, ich fürchte nur, sie
sind noch nicht vorbei. In der Disziplin „180 Grad-Wende“
muss die Goldmedaille aber aberkannt werden wegen unerlaubter
Einflussnahme unseres Ministerpräsidenten. Immerhin kann
der Beobachter feststellen, das Bildungsfragen Wahlausgänge
entscheiden können. Ein Fortschritt? Angst ist ein schlechter
Ratgeber und Schulen und die Schulpolitik sind für politische
Ränkespiele kein geeigneter Schauplatz!
Die Politik sucht vielfach den Dialog
mit der Jugend – auch im kommunalen Bereich. Einige von
euch haben versucht zu antworten, andere haben die Brocken hingeschmissen.
In dieser Stadt ist es - nicht nur wegen der finanziellen Rahmenbedingungen
– offensichtlich nicht leicht miteinander zu kommunizieren.
Dass die Kommunikation zwischen Kommune und ASG/GSG sich in
den letzten Jahren entscheidend verbessert hat, Frau Heinrich,
dafür ist unser gemeinsamer Neubau der eindrucksvolle Beweis,
auch wenn dieser Jahrgang davon nur etwas hatte. Wir alle hoffen,
dass der Unterricht in den Pavillons genannten Baracken keine
Spätfolgen hinterlassen wird. Im übrigen ist der Umgang
mit dem politischen Gegner in Marl wenig vorbildlich; wer seinen
politischen Gegner nur diffamiert, beschädigt die Politik
generell. Gerade das China-Projekt hätte doch die Möglichkeit
für einen Neuanfang geboten. Sicher machen auch wir Bürger
es der Politik nicht leicht, andererseits haben wir genau die
Parteien und die Politiker, die wir verdienen. Auch im Wahlmarathon
des nächsten Jahres wird der Satz aus den Anzeigen der
Zeitungsverleger „wenn Du Dich nicht entscheidest, verlasse
ich Dich! Deine Demokratie“ seine Gültigkeit behalten.
Auch die Aussage von Max Frisch „Wer keine politische
Meinung hat, dient immer der herrschenden Partei“ ist
mehr als einen Gedanken wert. Wir alle sollten nicht nur bei
der Wahlentscheidung unseren demokratischen Mindestbeitrag leisten.
Allerdings zeigt auch die Demokratie
grundsätzlich ein widersprüchliches Gesicht!
Können anderthalb Millionen Iren mit ihrem Nein zum Vertrag
von Lissabon fast eine halbe Milliarde Europäer dominieren?
Oder haben genau diese Iren so abgestimmt, wie auch wir gestimmt
hätten, wenn man uns nur gelassen hätte. Das ganze
ist übrigens mehr als nur ein Kommunikationsproblem! Oder
kann mir hier jemand die Zusammenhänge von europäischer
Agrarpolitik und Milchquote klar machen?
Sehr verehrte Zuhörer,
in der Frage eines möglichen Krieges gegen den Iran sind
75% der Amerikaner der Ansicht, die USA sollten aufhören,
militärisch zu drohen und sich stattdessen um eine diplomatische
Lösung bemühen. Die überwiegende Mehrheit sowohl
in den USA als auch im Iran meint, in der Region zwischen Israel
und Iran sollte es keinerlei Nuklearwaffen geben. Wenn tatsächlich
die Mehrheit die Politik bestimmen könnte, wäre die
Kontroverse um das iranische Atomprogramm längst beendet!
Mancher setzt auf eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen.
Zyniker wie der Kabarettist Hagen Rether fragen sich allerdings
angesichts des deutschen Wunsches nach einem ständigen
Platz im Sicherheitsrat, ob der exklusive Club der größten
Rüstungsexporteure unbedingt noch durch die deutsche Rüstungslobby
aufgestockt werden muss.
Demokratie ist ein schwieriges Geschäft: Wie läst
sich unsere Freiheit sichern – geht das überhaupt?
Wie schaffen wir die Gradwanderung zwischen Integration und
Eigenständigkeit im Zusammenleben von Jugendlichen unterschiedlicher
Herkunft? Auch diese Aula war und ist Schauplatz in diesem Prozess.
Sollte Deutschland im EM-Halbfinale auf die Türkei treffen,
wird auch das eine besondere Herausforderung sein. Lassen Sie
mich noch eine Anleihe bei Hagen Rether machen: Wir verbieten
Kopftücher, zahlen aber der NPD Wahlkampkostenerstattung!?
Vielleicht hat jemand die Meldung
gelesen, dass das ZDF sich die Rechte an einer neuen Casting-Show
gesichert hat; Titel des Reality-Formats: „The Next Great
Leader“. Da muss man schon froh sein, dass das Kürzel
nicht NPD o.ä. ergibt.
Recklingwood oder Hollyhausen ist ja die Heimat des neuen DSDS-
Superstar Thomas Godoj. Wir, d.h. besonders unsere Medien –
die großen und die kleinen – schaffen es spielend,
diesen Namen in unser Hirn zu hämmern, aber wer kennt unsere
Wahlkreisabgeordneten in Berlin, Düsseldorf und Brüssel?
Ist das nur eine Frage der Präsenz – in allen Facetten
des Begriffs? Sind das Signale einer zentralen Steuerung unserer
Bewusstseinsindustrie – die Matrix ist vielen von euch
/ vielen von Ihnen ein Begriff!
Immerhin profitiert ein ehemaliger Schüler dieser Schule
von den Tantiemen des erfolgreichen Erstlings des vermeintlichen
neuen Superstars, er ist der Komponist. Vom Umfang der Berichterstattung
hätte man eher vermuten können, dass das ortsansässige
Medienhaus Bauer Hauptsponsor der Aktion gewesen wäre.
Alles zusammen ist das aber doch kein Grund, das der Bürgermeister
von Recklinghausen im Fan T-Shirt zur Aufnahme der Casting-Show
fährt. Da können die Deutschlehrer doch auch gleich
den Schmuddelsex-Bestseller „Feuchtgebiete“ als
Klassenlektüre bestellen. Ist das der richtige Umgang mit
der Freiheit? Die Erwähnung dieses Buchtitels in einer
Abiturrede ist sicher wiederum ein Zeichen schleichenden Kulturverfalls,
den ich hier heute morgen auf keinen Fall herbeireden wollte.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
die Lust auf Spaß kann kaum die Suche nach Sinn und Wahrheit
ersetzen; das Surfen auf den Wellen der Spaßgesellschaft
schafft auf Dauer keine Befriedigung, die gewinnt man eher,
indem man und auch frau den Strömungen standhält und
manchmal auch dagegenhält. Hoffentlich werden aus einigen
von euch Querdenker, Visionäre, Idealisten, Rebellen, kurz
Leute, die sich in kein Schema pressen lassen, ohne Respekt
vor dem Status Quo. Wir Eltern und Lehrer dürfen euch dann
widersprechen, euch bewundern oder ablehnen, aber ignorieren
sollten wir euch nicht. Vielleicht seid ihr auch verrückt,
denn die, die verrückt genug sind zu denken, sie könnten
die Welt verändern, sind die, die es tatsächlich tun.
Ich wünsche euch Vertrauen zu euch selbst, ihr dürft
Angst vor niemanden haben – außer vielleicht vor
euch selbst. Ein unbekannter Spötter hat gesagt: „Wenn
man jung ist, glaubt man, man könnte die Welt verändern;
wenn man alt ist, stellt man fest, man hätte es können!“
Macht von der neu gewonnenen Freiheit
den rechten Gebrauch! An die Arbeit! Denn nach dem Abitur, nach
der Arbeit ist vor der Arbeit! Zu einem „guten Leben“
gehört es aber auch, die Mußestunden zu genießen,
auch die, die wir nach der gemeinsamen Arbeit an und mit diesem
Jahrgang verdient haben. Ich wünsche euch viele positive
Überraschungen beim Aufbau und auf der Suche nach Sinn
und Ziel eurer Existenz.
SCHALOM!
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