
Wie werde ich...?
Foodstylisten rücken Essen
ins richtige Licht
Von Frank Rumpf
Hamburg (gms) - «Das Auge
isst mit» - von dieser Küchenweisheit lebt Stevan Paul.
Der 32-Jährige arbeitet als Foodstylist in Hamburg - noch ein
Nischenberuf, der aber zunehmend an Bekanntheit gewinnt. Paul sorgt
dafür, dass die «Man nehme...»-Texte in Kochbüchern
von einem ansprechenden Bild begleitet werden. Er rückt für
Werbeagenturen Möhren oder Marmeladen ins rechte Licht und
hilft Gourmet-Zeitschriften bei der optischen Präsentation
der Genüsse. «Ein Bild ist der beste Einstieg ins Rezept»,
ist Paul überzeugt. «In Sekundenschnelle weiß man,
ob man ein Gericht nachkochen will oder nicht.»
Höchstens 100 Foodstylisten arbeiten
derzeit hauptberuflich in Deutschland; Hamburg ist wegen vieler
Zeitschriften-Verlage und Werbeagenturen die Hochburg. Eine geregelte
Ausbildung für diesen Beruf gibt es nicht. Stevan Paul hat
nach der Mittleren Reife in einem angesehenen Restaurant in Ravensburg
eine Kochlehre gemacht. Danach begab er sich auf Wanderschaft durch
verschiedene Sterne-Küchen sowie eine Pizzeria und arbeitete
schließlich in der Versuchsküche einer Kochzeitschrift.
«Mir war die Präsentation des Essens schon immer wichtig»,
sagt Paul.
Das professionelle Styling und Fotografieren
der gekochten Speisen machten ihm Spaß. Er blieb fünf
Jahre bei der Zeitschrift, bevor er vor gut einem Jahr die Selbstständigkeit
wagte. Ein aktuelles Projekt ist ein Rezeptbuch für Sandwiches.
Im Studio eines befreundeten Fotografen bringt er belegte Toastscheiben
unter Scheinwerferlicht in Stellung: «Das Bild soll ein »eye-catcher»
sein und Dramatik haben.» Deshalb befinden sich die Brote
auf dem Teller schon einmal in ungewöhnlichen Positionen -
etwa schräg aufrecht.
«Aber es muss auch realistisch sein»,
betont Paul. Der Hobbykoch soll die Speisen daheim grundsätzlich
so anrichten können wie auf dem Bild. Auch bei den Zutaten
hält sich der Profi streng an die Rezeptvorgaben. Exotische
Zusätze oder fantasievolle Abwandlungen, damit das Sandwich
peppiger aussieht, sind für Paul tabu: «Ein bisschen
»tricksen» ist höchstens aus technischen Gründen
erlaubt.» Etwa, wenn der Schlagsahne fürs Dessert Quark
untergemischt wird, damit die weiße Pracht nach einer halben
Stunde im heißen Studiolicht nicht zur traurigen Tunke zerlaufen
ist.
Auch Foodstylistin Anne-Katrin Weber ist
gelernte Köchin. «Das ist die beste Grundlage»,
sagt die 31-jährige Hamburgerin. Sie hat nach der Lehre allerdings
noch Ernährungswissenschaften studiert und eine Diplomarbeit
über ihren Beruf verfasst. «Optisches Empfinden und ein
gutes Auge für Farben, Formen und Proportionen sind weitere
Voraussetzungen.» Als Foodstylist müsse man schließlich
stets «für das Foto kochen».
Anne-Katrin Weber arbeitet «zu Gunsten
der Familie» derzeit nur eingeschränkt. «Es ist
ein zeitaufwendiger und anstrengender Beruf: Morgens holt man die
bestellten Zutaten ab, bringt sie ins Fotostudio, dann werden sie
zubereitet und arrangiert.» Ein einziges Gericht abzubilden,
kann sieben, acht Stunden dauern. Fällt es während der
Aufnahmen zusammen oder wird aus anderen Gründen unansehnlich,
muss neu gekocht und angerichtet werden.
Seit etwa 30 Jahren gibt es Foodstyling
als eigenständiges Metier. «Vorher haben das talentierte
Köche nebenbei gemacht», sagt Weber. Während einer
Produktion wird eng zusammengearbeitet mit dem Fotografen und häufig
auch mit einem Requisitenstylisten, der sich um Teller, Tischdekoration
und andere Ess-Utensilien kümmert. Die inhaltlichen Vorgaben
liefern der Autor des Rezeptes oder die Redaktionen und Werbeagenturen.
«Meist sind deren Vorstellungen, wie das Essen auf dem Bild
aussehen soll, sehr konkret», sagt Paul.
Wer an dem Beruf interessiert ist, sollte
zunächst einem Foodstylisten als Assistent über die Schulter
schauen oder ein Praktikum in der Versuchsküche einer Esszeitschrift
machen, raten Paul und Weber übereinstimmend. Der Bedarf an
guten Kräften wachse durchaus, da auch der Markt an Lifestyle-
und Special-Interest-Publikationen zulege, meint Weber. Die Verdienstmöglichkeiten
sind bei einer Festanstellung in einem Verlag in etwa die gleichen
wie für Redakteure - sie bewegen sich zwischen 6000 und 10
000 Mark im Monat. «Selbstständige haben den Verdienst
selber in der Hand, je nachdem wie gut sie sind und wie viel sie
zu arbeiten bereit sind», sagt Weber.
Während in früheren Jahren Lebensmittelaufnahmen
oft stilisiert waren, geht der Trend heute zu so viel Authentizität
wie möglich. «Wenn wir den »Koch des Monats»
mit seinen Rezepten vorstellen, fahren unsere Fotografen und Stylisten
zu ihm hin und produzieren vor Ort die Bilder», sagt Carola
Radke von der Bildredaktion des in Hamburg erscheinenden Magazins
«Der Feinschmecker».
Auch Stevan Paul führen Fotoproduktionen
manchmal nach Italien, Spanien und in die Ägäis - oder
sogar nach Indien: «Nur dort gibt es die besten Zutaten und
das richtige Ambiente für ein Buch über die indische Küche.
Das kann man nicht in einem Studio in Hamburg nachstellen.»
Genauigkeit und Liebe zum Detail
gehören also ebenfalls zu den Eigenschaften eines Foodstylisten.
«Man kann den Betrachter nicht täuschen», versichert
Paul. «Auf einem guten Bild erkennt er sogar, ob Fleisch und
Soße noch heiß waren.»
letztes Update
05.12.2005
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