Wie werde ich...?

Dispatcher und Co. - Unverzichtbare Organisationstalente am Flughafen

Von Heiko Stolzke


München (dpa/gms) - Gewitter in Köln, Technikproblem in Nizza, kranke Piloten in Berlin: Wenn Matthias Rudolph in der Verkehrszentrale der Fluggesellschaft dba in München loslegt, gleicht sein Arbeitstag einem dreidimensionalen, europaweiten Schachspiel. «Bei uns laufen alle Fäden für unsere 200 täglichen Flüge zusammen, wir müssen das alles im Blick behalten», sagt er.

Als Verkehrsleiter koordiniert er gemeinsam mit Flugbetriebsleiter Markus Ganzmann den Einsatz der dba-Flugzeuge. «Kein Tag gleicht dem anderen», sagt der Koordinator und blickt dabei auf einen Monitor mit bunten Balken. Was auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Excel-Tabellenkalkulation und «Schiffe-Versenken»-Spielbrett aussieht, ist Grundlage der Tagesplanung.

Jeder Balken symbolisiert einen Flug - mit der Farbe steigt oder sinkt das Stressniveau für Rudolph und seine Kollegen: Grau und blau bedeutet pünktlich, gelb und rot Verspätung. «Oberstes Ziel ist Sicherheit. Dann folgen Passagierzufriedenheit und Umsatz», erläutert Flugbetriebschef Ganzmann.

Matthias Rudolph ist so genannter Dispatcher. Im offiziellen Amtsdeutsch der Luftfahrtbehörden heißt das Berufsbild Flugdienstberater. Diese Lizenz wird vom Luftfahrtbundesamt nach Zusatzausbildung und Prüfung vergeben.

«Oft qualifizieren sich Mitarbeiter zum Dispatcher weiter, die schon im kaufmännischen oder operationellen Bereich bei einer Fluggesellschaft arbeiten», erklärt Jörn Sellhorn-Timm, Leiter Flight Operations Academy bei Lufthansa Flight Training (LFT) in Frankfurt/Main. Das Unternehmen bildet Flugdienstberater aus. Der rund 19 000 Euro teure Lehrgang dauert 13 Monate. Die Schulung steht auch Abiturienten offen, die noch keine Erfahrung in der Luftfahrtbranche mitbringen.

«Der Dispatcher ist der Partner der Piloten am Boden», sagt Sellhorn-Timm. Die Arbeit der Dispatcher teilt sich in zwei Bereiche: Einerseits arbeiten sie im hektischen, aktuellen Tagesgeschäft, kümmern sich aber auch um langfristige Absprachen, wenn es zum Beispiel um Landerechte geht. «In der Ausbildung stehen theoretische Grundlagen der Flugplanung, Flugsicherung und technische Abläufe im Lehrplan», sagt der LFT-Spezialist. Dazu kommt eine Praxisphase bei Fluggesellschaften. Dann geht es um alltägliche Probleme, Geduld bei Schnee und Schlechtwetter oder das Improvisieren bei Verspätungen.

«Die Bodenzeiten der Flugzeuge zwischen einzelnen Reisen werden immer kürzer. Daher hat der Dispatcher eine immense Verantwortung», sagt Bernd Bockstahler, Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF). «Zwischen Landung und Start vergehen vielfach nur 25 bis 30 Minuten. Damit dann alles klappt, muss der Dispatcher die Abläufe zwischen zahlreichen Abteilungen koordinieren», sagt Bockstahler. Das ist einerseits das Abfertigungsteam auf dem Vorfeld direkt am Flugzeug, aber auch andere Abteilungen wie Buchung, Passagierabfertigung und Flugsicherung.

Gewitterwolken ärgern Passagiere und Fluggesellschaft gleichermaßen. «Darauf haben wir aber leider keinen Einfluss», sagt Matthias Rudolph und behält in der Zentrale trotz des hektischen Telefonklingelns die Ruhe, auch als immer mehr Gewitter-Meldungen auflaufen und Verspätungen fast unvermeidlich werden. «Von unseren Entscheidungen hängt einiges ab», sagt der Verkehrsleiter. Nicht jeder Passagier sieht ein, dass es aus Sicherheitsgründen besser ist, bei Gewitter nicht zu starten. Oft ist wenig später die Serviceabteilung ein Stockwerk über Rudolph mit Beschwerden uneinsichtiger Gäste konfrontiert.

Außerdem ist Flugzeug nicht gleich Flugzeug: «Wir können die Jets nicht einfach nach unseren Vorlieben tauschen. Denn dann stehen die Kollegen von der technischen Planung sofort bei uns am Schreibtisch», sagt Flugbetriebschef Ganzmann. Die Flüge sind so optimiert, dass eine Maschine zum Beispiel abends in München in den Wartungshangar rollen kann. «Da hilft es nicht, wenn das Flugzeug kurzfristig abends nach Hamburg geht - weil sich in München schon das Wartungsteam mit allen Ersatzteilen vorbereitet hat», erzählt er.

Meist arbeiten Dispatcher bei Fluggesellschaften. Sie können nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit aber zum Beispiel auch bei Behörden tätig sein. Als Voraussetzung für den Beruf sind vor allem gute Grundkenntnisse in Mathematik und Physik gefordert. «Auch wenn heute viele Arbeitsschritte per Computer berechnet werden, müssen die Grundlagen dafür nach wie vor sicher beherrscht werden», sagt Sellhorn-Timm. «Der Dispatcher muss Einblick und Sachkenntnis bei allen fliegerischen Abläufen haben - in der Luft und am Boden», sagt GdF-Sprecher Bernd Bockstahler.

In vielen Situationen ist vor allem Teamgeist und Improvisieren gefordert. «Wir hatten kürzlich einen Streik des Bodenpersonals in Rom. Da wurde kein Gepäck mehr verladen», erzählt Rudolph. «Wir haben deshalb kurzerhand einige Kollegen auf dem Flug dorthin mitgeschickt
- die haben vor Ort selbst die Koffer verladen», sagt er. «Zwar hat sich das streikende Bodenpersonal geärgert, aber Passagiere und Gepäck waren pünktlich an Bord - und unsere Gäste zufrieden.»