Wie werde ich...?

Kapitän: Seefahrer haben auch an Land Chancen

Von Thorsten Wiese

Hamburg (gms) - Das Bild vom bärtigen Seemann, der nächtelang
Geschichten aus fernen Ländern erzählt, trifft auf den Kapitän nicht
mehr zu. Für den Landgang bleibt kaum noch Zeit. Die Herren der See
halten heute millionenschwere Ladung auf Kurs und verantworten, dass
Fahr- und Lieferpläne eingehalten werden. Auf der Kommandobrücke sind
daher fähige Führungskräfte gefragt.

Frachtschiffe fahren ständig gegen die Uhr, die Liegezeiten in den
Häfen werden immer kürzer. Im harten Wettbewerb brauchen die
Reedereien gut ausgebildetes Personal. «An Bord eines großen
Containerschiffes gibt es mehr High-Tech als in einem Airbus», sagt
Kapitän Hans-Jürgen Dietrich vom Verband Deutscher Reeder (VDR) in
Hamburg. Zu den Aufgaben von Kapitänen gehören das Navigieren und
Manövrieren. Ferner planen sie mit ihren Offizieren die Arbeiten im
Schiffsbetrieb.

Auch für die Ladung zeichnen sie verantwortlich. «Schiffe können
heute bis zu 7500 Container befördern», sagt Hans-Jürgen Dietrich. Um
ein solches Schiff zu lenken, sind viele Kenntnisse erforderlich: In
Fragen von Recht, Sicherheit und Technik müssen sich
Kapitäne auskennen. Auch Meteorologie, Nachrichtenwesen und das
Beherrschen der englischen Sprache sind unabdingbar. Sogar für Wohl
und Wehe der Mannschaft ist der Kapitän zuständig, so Hans-Jürgen
Dietrich.

Wenn so viel Verantwortung auf einer Person lastet, stimmt auch
die Heuer: Auf der Kommandobrücke werden nach Angaben des VDR
zwischen 8000 Mark (4090,34 Euro) und 10 000 Mark (5112,92 Euro)
brutto verdient. Voraussetzung für den Beruf ist neben der
Seediensttauglichkeit der Hauptschulabschluss. Nach Angaben des VDR
bringt jeder vierte Patentanwärter den Realschulabschluss mit. Rund
zwei Drittel sind Abiturienten.

Die Ausbildung kann auf zwei Wegen absolviert werden: Nach einer
Facharbeiterlehre zum Schiffsmechaniker bei einer Reederei lassen
sich Nachwuchskapitäne an einer Fachschule in vier Semestern zum
Nautischen Schiffsoffizier ausbilden. Wer Abitur hat, kann an einer
Fachhochschule in sechs Semestern das Nautische Patent erwerben. Die
Ausbildungsstätten liegen an der Waterkant: in Hamburg, Bremen,
Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

Sebastian Fuchs studiert am Institut für Schiffsbetrieb,
Seeverkehr und Simulation der Fachhochschule in Hamburg. Im Sommer
schließt er sein Studium mit dem Diplom ab und erhält damit das
technische und das nautische Patent, das zum Führen von Schiffen
ermächtigt. «In den ersten vier Semestern werden Grundlagen in
Mathematik, Elektronik und Maschinenbau vermittelt», erzählt der
24-Jährige. Im Hauptstudium belegen angehende Kapitäne Kurse, die
sich speziell mit Nautik und Technik beschäftigen.

Navigation und Seerecht etwa gehören dazu. Nach dem Studium möchte
er als Offizier auf Schiffen fahren und irgendwann einmal selbst ein
Schiff führen. Dafür sammelt er schon während des Studiums praktische
Erfahrungen. «Das Fahren ist das A und O. Man muss in den
Semesterferien am Ball bleiben», sagt Fuchs. Auch nach dem Diplom
sammeln Offiziere zunächst Berufserfahrung, bevor sie ein Schiff
führen dürfen. Das Kapitänspatent wird nach Angaben des VDR nach drei
Berufsjahren als Wachoffizier verliehen.

Den deutschen Reedereien fehlt allerdings Nachwuchs. Jedes Jahr
suchen die Unternehmen rund 400 Nachwuchskapitäne, nur 300 junge
Leute legen jährlich aber das Diplom ab. «Die Reedereien werben daher
direkt an den Hochschulen um die Führungskräfte», so Professor
Michael Rachow vom Fachbereich Seefahrt in Rostock-Warnemünde der
Fachhochschule in Wismar. Ein Grund für den Mangel ist, dass viele
Seeleute nach einigen Berufsjahren an Land gehen.

Kapitäne arbeiten lange Zeit von Freunden und Familie getrennt auf
dem Schiff. «Da gibt es abends keinen Feierabend», gibt Hans-Jürgen
Dietrich zu bedenken. Viele Kapitäne wechseln auf Grund dieser
Arbeitsbedingungen in einen Job an Land. Chancen bieten sich
Nautischen Offizieren und Kapitänen als Lotsen, als Inspektoren bei
Reedereien, in der Schifffahrtsverwaltung, sowie in Speditions- und
Exportfirmen.

Arvid Grosse-Bley hat auf Großtankern und Containerschiffen die
ganze Welt gesehen. Heute ist er Leiter der Logistikabteilung beim
Ingenieursbüro Krupp Uhde in Dortmund. Das Unternehmen plant und baut
Chemieanlagen in aller Herren Länder. Sein Job ist es, die Baustellen
mit Material zu versorgen. Seine Erfahrungen aus der Seefahrt kommen
ihm dabei zugute. Grosse-Bley ist der Familie zuliebe an Land
gegangen. Die Seefahrt vermisst er manchmal: «Ich kann nur jedem
raten, die eigene heile Welt einmal zu verlassen. Man bekommt eine
völlig andere Sicht auf die Dinge.»