Wie werde ich...?

Architekten in der Krise - Nachwuchs braucht Mut und Geduld

Von Mirjam Hägel

Bremen/Coburg (dpa/gms) - Im Baugewerbe dominieren momentan die
Schreckensmeldungen die Nachrichten. Von der Rezession in diesem
Bereich sind auch Architekten betroffen: Die Bundesarchitektenkammer
(BAK) in Berlin geht für 2002 von einer Arbeitslosenquote von 9
Prozent aus. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kann jedoch von
der Krise profitieren: «Auf Grund sinkender Bewerberzahlen entfällt
an den Universitäten seit diesem Wintersemester erstmals der
bundesweite Numerus Clausus für das Fach Architektur», sagt Barbara
Christiane Hamann, Referentin für Architektur und Bautechnik der BAK.
Nur an einzelnen Universitäten gebe es noch mehr Bewerber als
Studienplätze.

Schlechter als die Studienbewerber stehen derzeit allerdings die
angehenden Jungarchitekten da: «Weil der Markt übersättigt ist,
müssen sie sich häufig mit geringen Anfangsgehältern zufrieden
geben», sagt Hamann. Die Einstiegsgehälter lägen zwischen 1000 und
2000 Euro brutto, nach zwei Berufsjahren zwischen 1500 und 2500 Euro.

Die Lage sei aber weniger dramatisch als sie oft dargestellt
wird, sagt Franz Göger, Professor und Studienfachberater am
Fachbereich Architektur an der Fachhochschule Coburg. «Die Hauptsache
ist, dass man sich nicht einschüchtern lässt.» So müssten Absolventen
unter Umständen 20 bis 40 Bewerbungen schreiben, bevor sie eine
Anstellung bekommen.

Bereits vor einer Entscheidung für das Studium sollten zukünftige
Architekten Erfahrungen sammeln: «Am besten macht man noch vor dem
Studium ein Praktikum in einem Architekturbüro oder im Baugewerbe,
dann bekommt man einen besseren Einblick», empfiehlt Karl-Heinz
Welsch, Fachstudienberater am Fachbereich Architektur der
Bauhaus-Universität Weimar. An einigen Hochschulen können sich
Studenten diese frühen Erfahrungen später auch anrechnen lassen.
Insgesamt müssen sie an allen Universitäten im Laufe des Studiums bis
zu sechs Monate lang Praktika machen.

Für das eigentliche Architektur-Studium werden an einer
Universität dann neun Semester Regelstudienzeit veranschlagt. An den
Fachhochschulen (FH) sind es nur acht. Auf dem Lehrplan stehen
jeweils neben Baukonstruktion, Gestaltung und Entwerfen auch Statik,
Haustechnik, Baustoffkunde, Zeichnen, Architekturgeschichte und
spezielle Computerprogramme. «Gerade der Umgang mit dem Computer ist
in den vergangenen Jahren besonders wichtig geworden, denn der
Bildschirm hat das Zeichenbrett weitgehend aus den Architekturbüros
verdrängt», sagt Welsch.

Umgesetzt wird das angeeignete Fachwissen schließlich in
Semesterentwürfen, die häufig in Gruppenarbeit abgefasst werden. Der
wesentliche Unterschied zwischen Universität und Fachhochschule ist
Göger zufolge vor allem der größere Praxisbezug an der FH. Hier werde
bei den Entwürfen ein besonderer Schwerpunkt auf den konstruktiven
und technischen Bezug gelegt. Der Abschluss der Ausbildung bildet
sowohl an den Universitäten als auch den Fachhochschulen die
Diplomarbeit im letzten Studiensemester.

Der damit erworbene Titel des Diplom-Ingenieurs ist jedoch noch
nicht das Ende der Ausbildungszeit, erläutert Hamann: «Bevor ein
Diplom-Ingenieur sich in die Architektenliste eintragen lassen kann
und damit den Titel Architekt führen darf, muss er zwei bis drei
Jahre als Angestellter in einem Büro gearbeitet haben. Vorher bekommt
er keine Bauvorlageberechtigung.»

Diese Regelung sei sinnvoll, damit die Studienabgänger zunächst
Erfahrungen sammeln, bevor sie eigene Bauvorhaben in Angriff nehmen,
sagt Wilfried Turk, der als selbstständiger Architekt in Bremen
arbeitet. «Die Entwurfsplanung, die während der Ausbildung an der
Universität im Vordergrund steht, macht nur 18 Prozent eines
Bauvorhabens aus.» Wesentlich mehr Zeit nähmen dagegen die
Ausführungsplanung, bei der alle Details ausgearbeitet werden und
eine Kalkulation erstellt wird, sowie die Bauleitung in Anspruch.

Gerade diese beiden Bereiche sind laut Turk auch in der Zukunft
ein wachsendes Arbeitsfeld für Architekten: «Bisher arbeitet der
größte Teil aller Architekten im Bereich der Entwurfsplanung. Wer
sich auf die Ausführungsplanung oder auf das Baumanagement
spezialisiert, hat viel bessere Chancen unterzukommen.» Auch Welsch
empfiehlt Absolventen daher Aufbaustudiengänge im Baumanagement.

Auch die Denkmalpflege sei zukunftsträchtig, sagt Göger: «In den
kommenden Jahren wird es immer weniger Neubauten geben, der Bedarf
ist weitgehend gesättigt. Stattdessen wird die Sanierung der
Altbauten in den Vordergrund treten.» Außerdem hat Göger einen Tipp
für alle arbeitslosen Architekten mit Reiselust: «In Norwegen wird
gerade händeringend nach Architekten gesucht.»

Informationen: Bundesarchitektenkammer, Askanischer Platz 4, 10963
Berlin (Tel.: 030/26 39 440; Fax: 030/26 39 44 90, E-Mail:
info@bak.de; Internet: http://www.bundesarchitektenkammer.de).