
Wie werde ich...?
Jobs auf hoher See - Gute
Chancen für Kapitäne und Mechaniker
Von Thorsten Wiese
Stade/Hamburg (dpa/gms) Nach 24 Berufsjahren
auf hoher See hätte
sich Achim Schröter schon in den neunziger Jahren zur
Ruhe setzen
können. Kohle, Getreide, Mais und vieles mehr fuhr der
Kapitän aus
dem niedersächsischen Stade für verschiedene Reedereien über
alle
Weltmeere. In Rente ging der 73-Jährige aber erst vor
drei Jahren.
Und wenn frühere Kollegen von einer Kreuzfahrtreederei
anrufen und
dringend eine Urlaubsvertretung für eine Tour durch das
Mittelmeer
brauchen, kann Schröter auch heute noch nicht Nein sagen.
«Wer rastet, der rostet», lautet Schröters
Motto. Seine Geschichte
veranschaulicht aber auch den Personalmangel, unter dem die
deutschen
Reeder leiden. Während Hilfsarbeiter laut der Gewerkschaft
ver.di in
Berlin vor allem vom günstigeren internationalen Arbeitsmarkt
rekrutiert werden, gebe es einen Mangel an Kapitänen,
nautischen und
technischen Offizieren sowie an Schiffsmechanikern, heißt
es beim
Verband Deutscher Reeder (VDR) und beim Verband deutscher Kapitäne
und Schiffsoffiziere (VDKS), beide in Hamburg. Laut der
Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt in Bremen werden in Deutschland
allein rund 13 000 Nautiker gesucht.
Die Gründe dafür sind offenbar hausgemacht. «Die
Reeder haben
jahrelang zu wenig ausgebildet», sagt Dieter Benze von
der Fachgruppe
Schifffahrt bei ver.di. Um Kosten zu senken, hätten sie
zum einen
ihre Schiffe unter ausländische Flagge gebracht. «Außerdem
haben sie
viele Deutsche entlassen und sich am internationalen Arbeitsmarkt
bedient.»
Um den Trend umzukehren, haben Bundesregierung,
Küstenländer,
Reeder und ver.di nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums
in
Berlin vor zwei Jahren das Maritime Bündnis für
Ausbildung und
Beschäftigung in der Seeschifffahrt geschlossen. Seitdem
würden
Schiffe «zurück geflaggt», zudem bauen die
Reedereien laut VDR
derzeit ihre Flotten aus.
Ein Grund sei, dass durch die Globalisierung die Bedeutung
des
Frachtverkehrs steige. «Die meisten Güter werden
schon heute über See
befördert zwischen 70 und 80 Prozent», sagt Klaus
Bültjer,
Geschäftsführer des Zentralverbands deutscher Schiffsmakler
in
Hamburg. Von Boom und Rekordhöhe spricht das Statistische
Bundesamt
in seinem aktuellen Bericht über die Seeschifffahrt. Dem
zufolge
stieg der Güterumschlag in deutschen Seehäfen 2004
im Vergleich zum
Jahr davor um 6,7 Prozent.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Instituts
für
Mobilitätsforschung (ifmo) in Berlin zur Zukunft der Mobilität
sagt
dem Güterverkehr über See einen noch stärkeren
Zuwachs voraus. Bis
2025 rechnen die Experten mit einem Wachstum von bis zu 80
Prozent.
Die, die einen der Ausbildungsplätze
bekommen, haben offenbar gute
Jobchancen. Gebraucht werden an Bord zum einen Schiffsmechaniker,
erklärt Uwe Nispel von der Berufsbildungsstelle See. Nach
einer
dreijährigen Lehre arbeiten die Techniker sowohl auf der
Brücke als
auch an Deck und in der Wartung der Maschinen. Ausbildende
Reedereien
finden sich laut Nispel nahezu ausschließlich in den
Küstenländern.
Die Ausbildungen zum technischen und zum nautischen Offizier
bieten fünf Fach- und Fachhochschulen in Niedersachsen,
Bremen,
Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern an. An der Fachschule
dauert die Ausbildung zwei Jahre, sie setzt aber eine abgeschlossene
Lehre als Schiffsmechaniker voraus. Für das in der Regel
achtsemestrige Studium an der Fachhochschule werden das Abitur
oder
die Fachhochschulreife verlangt.
Beide Wege führen je nach Studienrichtung
zum technischen oder
nautischen Patent, das so auch Hauptschülern offen steht.
Nach
mindestens drei Jahren Berufserfahrung an Bord kann der Aufstieg
vom
nautischen Offizier zum Kapitän erfolgen. «Manche
Reedereien stellen
als Offiziere und Kapitäne aber nur Abiturienten ein.
Da gibt es
unterschiedliche Firmenphilosophien», sagt Nispel. Darüber
hinaus
benötigten Nachwuchs-Seefahrer eine gute Gesundheit, die
in einer
«
Seediensttauglichkeitsuntersuchung» geprüft werde.
Außerdem sollten sie sich über
die Arbeitsbedingungen in der
Schifffahrt klar sein. Nautiker seien oft mehrere Monate
am Stück auf
See, in denen sie laut Achim Schröter im Schnitt mehr
als zehn
Stunden am Tag im Dienst sind. Diese Arbeitsumstände sind
für viele
auf Dauer unattraktiv und sorgen offenbar dafür, dass
der Nachwuchs
schnell neue Chancen bekommt.
«Sobald die Leute 30 werden, wollen sie oft eine Familie
gründen
und gehen an Land. Viele sind dann gerade mal fünf Jahre
dabei
gewesen», so die Erfahrung von Dieter Benze. Seefahrer
seien unter
anderem in Behörden gefragt, als Hafenlotsen bei den Kommunen
etwa.
Sie arbeiten laut Uwe Nispel aber auch bei Industrie- oder
Logistikunternehmen, in der Hafenwirtschaft oder bei Versicherern.
Internet: www.berufsbildung-see.de, www.reederverband.de.
Literatur: Elke Pohl: Berufsstart und Karriere auf See. Studium,
Berufsausbildung, Weiterbildung, Quereinstieg, Bertelsmann
Verlag,
ISBN 3-763-93314-X, 14,90 Euro.
letztes Update
05.12.2005
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