Wie werde ich...?

Chirurgiemechaniker - spezialisierte «Werkzeugmacher» der Medizin
Von Horst Heinz Grimm

Tuttlingen/München (dpa/gms) - Einst genügten dem Chirurgen
einfache Werkzeuge wie Skalpelle und Zangen. Diese wurden von
Klingenschmieden hergestellt. Mit dem Fortschritt der Medizin kommen
heute Präzisionsinstrumente zum Einsatz, die unter den Händen von
Chirurgiemechanikern entstehen. Es ist ein anspruchsvoller Beruf, wie
schon die Ausbildungszeit von dreieinhalb Jahren zeigt.

«Die rasante Entwicklung besonders in der Elektronik erfordert
eine fortlaufende Spezialisierung», sagt Rudolf Lehner von der
Handwerkskammer München. Der Beruf verlangt neben fachlichem Können
auch besonderes Verantwortungsbewusstsein. Mit diesen Instrumenten
führen die Ärzte schwierigste Operationen durch. Ein fehlerhaftes
Produkt kann schwerstwiegende Folgen haben.

Die Bedeutung der Elektronik erläutert Lehner so: «Klammern müssen
heute schon auf Gewebedruck reagieren, um bei bestimmten Eingriffen
optimale Leistung zu zeigen.» Chirurgiemechaniker fertigen außerdem
Implantate wie künstliche Hüftgelenke oder Herzklappen.

Wer die Ausbildung anstrebt, braucht keine medizinischen
Kenntnisse, dafür aber einen sehr guten Schulabschluss, vorzugsweise
die Mittlere Reife. «Und eine Kernbereitschaft zu konsequentem
Lernen», hebt Jörg Holweg hervor. Er ist Lehrlingswart der Innung in
Tuttlingen und zugleich Inhaber eines Betriebes, der sich auf
chirurgische Pinzetten spezialisiert hat. «Nicht nur in der
Ausbildung ist dies erforderlich, sondern auch im Beruf, um mit der
Entwicklung mithalten zu können.»

Die Neigung zu ausdauernder handwerklicher Präzisionsarbeit muss
vorhanden sein, ehe man sich für diesen Beruf entscheidet. Dazu
kommen gutes räumliches Vorstellungsvermögen zum Lesen von
Konstruktionsplänen und eine gute Auge-Hand-Koordination beim
Zusammensetzen der Werkstücke. «Einmal einen Tag über dem Mikroskop
sitzen und feinste Arbeit verrichten gehört zum Beruf», sagt Holweg.

Schon bei der Planung der Lehre sollten junge Leute neben den
Inhalten und Anforderungen auf mögliche Weiterbeschäftigung achten,
rät Lehner. «Die strukturelle Situation bestimmt den Arbeitsmarkt.»
Zentrum dieser Branche und Sitz der bedeutenden, weit über die
Grenzen Deutschland renommierten Betriebe ist der Raum Tuttlingen.

Diese Stadt am südwestlichsten Eckpunkt der Schwäbischen Alb am
Donaudurchbruch nennt sich angesichts ihrer langen Tradition in der
Herstellung medizinischer Instrumente auch «Weltzentrum der
Medizintechnik». Hier arbeiteten schon um das Jahr 1850 «chirurgische
Instrumentenmacher». Heute ist ein Betrieb weltbekannt für seine hoch
entwickelten Endoskope, jene Instrumente, die den Medizinern den
Blick in den Körper ermöglichen.

Die Ausbildung für den Beruf erfolgt im so genannten dualen System
- in Betrieben und in einer Schule. Die einzige derartige
Berufsschule in Deutschland befindet sich in Tuttlingen. «Hier müssen
auch alle Prüfungen abgelegt werden», erklärt Kurt Scherfer, der
Geschäftsführer der zentralen Innung Chirurgiemechanik. Sie hat
bundesweit 171 Mitglieder, davon etwa 150 in der Region.

«Zusätzlich zum regelmäßigen Besuch wie bei allen Berufsschulen
bieten wir auch einen Blockunterricht für auswärtige Schüler an»,
sagt Hartwig Hils, der stellvertretende Leiter der
Ferdinand-von-Steinbeis-Schule. «Vier Mal jährlich sind das drei
Wochen in einem Stück. Die Schüler werden in einem Heim
untergebracht.» Derzeit sind es 225 Auszubildende in vier den
Lehrjahren entsprechenden Klassen. Der Frauenanteil beträgt etwa zehn
Prozent.

Das Bearbeiten von Metallen, der Umgang mit Maschinen,
Werkstoffkunde, Lesen technischer Unterlagen, Elektronik und Optik
sind nur einige Punkte, die auf dem umfangreichen Lehrplan stehen.
Beim Montieren der einzelnen Bauteile verbessern die Auszubildenden
ihre Fingerfertigkeit und ihr handwerkliches Geschick. Sie lernen
natürlich auch, wofür die von ihnen hergestellten Instrumente später
in der Medizin eingesetzt werden. Am Ende des zweites
Ausbildungsjahres findet die Zwischenprüfung statt. Nach 42 Monaten
Lehrzeit folgt die Gesellenprüfung.

Scherfer und Hils beurteilen die Berufsaussichten als «sehr gut».
« Unlängst hat sich ein Lehrling aus Berlin in der Region beworben und
bekam sieben Angebote», nennt der Schulleiter als Beispiel. Die
Vergütung während der Ausbildungszeit liegt tariflich zwischen 699
Euro im ersten Jahr und am Schluss 864 Euro. Viele Betriebe aber
zahlen mehr. «Nach der Gesellenprüfung kann mit mindestens 1855 Euro
gerechnet werden», sagt Scherfer.

Internet: www.steinbeisschule.de, www.chirurgiemechanik.de.